ÖSTERREICHISCHER JAGDSPANIELKLUB

News2013

Das Elend mit den Formwerten

veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verfassers Dr. Peter Beyersdorf


Es könnte Alles so einfach sein, zum Beispiel wie in England. Auf den dortigen Ausstellungen wer­den in jeder Klasse die vier besten Hunde vom Richter ausgesucht, sie werden platziert von 1 bis 4 der Richter macht sich über sie seine Notizen, die dann später in den beiden großen Hundezeitungen „Our Dogs" und „Dog World“ veröffentlicht werden, der Rest der Konkurrenten verlässt - niemals murrend - den Ring, und damit hat es sich. Da gibt es keinen Formwert, natürlich auch keinen Bericht, dem Richter fällt es nicht schwer, an einem Tag auch 180 Hunde zu begutachten; es bedarf des für die Rasse geschulten Blicks des Richters, der eben die vier Besten erkennen und sie aus dem Gros herauszuholen hat.

Bei uns und im Einzugsgebiet der FCI (Federation Cynologique Internationale] hat der Richter mit Formwerten zu arbeiten. Das heißt, der Richter muss den Hund bei seiner Bewertung mit dem geltenden Standard vergleichen, Übereinstimmungen oder Abweichungen erkennen und aus den Ergebnissen dieses Vergleichs zu einem Formwert kommen. Das ist schwieriger als in England, es bedarf beim Richter intensiver Standard-Kenntnisse, und nur wenn er die hat, kann er sie in seinem Bericht darstellen und zu einer angemessenen formwertlichen Bewertung kommen. Das schafft nicht immer Freude bei den Ausstellern, im Gegenteil: Oft sind Reaktionen zu beobachten, die in ihrer grenzwertigen Art den Schluss zulassen, dass der Aussteller des betroffenen Hundes möglicherweise den Standard nicht kennt. Übrigens: Den Standard zu kennen ist für Züchter sicherlich Pflicht, auf alle Fälle aber hilfreich.

Zu Beginn des Jahres 2013 hat die FCI die Formwerte erstmals seit längerer Zeit überarbeitet und für ihre Mitgliedsländer in Kraft gesetzt. Sie werden nun so beschrieben:

Vorzüglich

Darf nur einem Hund zuerkannt werden, der dem Idealstandard der Rasse sehr nahe kommt, in ausgezeichneter Verfassung vorgeführt wird, ein harmonisches, ausgeglichenes Wesen ausstrahlt, von großer Klasse ist und eine hervorragende Haltung hat. Seine überlegenen Eigenschaften seiner Rasse gegenüber werden kleine Unvollkommenheiten vergessen machen, aber er muss die typischen Merkmale seines Geschlechtes besitzen.

Sehr gut

Wird nur einem Hund zuerkannt, der die typischen Merkmale seiner Rasse besitzt, von ausgeglichenen Proportionen und in guter Verfassung ist. Man wird ihm einige verzeihliche Fehler nachsehen, jedoch keine morphologischen. Dieses Prädikat darf nur einem Klassehund verliehen werden.

Gut

Ist einem Hund zu erteilen, welcher die Merkmale seiner Rasse besitzt, aber Fehler aufweist, unter der Bedingung, dass diese nicht verborgen werden. Die guten Eigenschaften sollten die Fehler überwiegen, so dass der Hund als guter Vertreter seiner Rasse angesehen werden kann.

Genügend

Erhält ein Hund, der seinem Rassetyp genügend entspricht, ohne dessen allgemein bekannte Eigenschaft zu besitzen oder dessen körperliche Verfassung zu wünschen übrig lässt.

Disqualifiziert

Erhält ein Hund, der nicht dem durch den Standard vorgeschriebenen Typ entspricht, ein eindeutig nicht standardgemäßes Verhalten zeigt oder aggressiv ist, mit einem Hodenfehler behaftet ist, einen erheblichen Zahnfehler oder eine Kieferanomalie aufweist, eine nicht standardgemäße Farb- oder Haarstruktur besitzt, oder eindeutig Zeichen von Albinismus erkennen lässt. Dieser Formwert ist ferner dem Hund zuzuerkennen, der einem einzelnen Rassemerkmal so wenig entspricht, dass die Gesundheit beeinträchtigt ist. Mit diesem Formwert muss auch ein Hund bewertet werden, der nach dem für ihn geltenden Standard einen disqualifizierenden Fehler hat. Der Grund für die Beurteilung „DISQUALIFIZIERT" ist im Richterbericht anzugeben.

Ohne Bewertung

Bleibt ein Hund, dem keine der vorgenannten Formwertnoten zuerkannt werden kann. Der Grund ist im Richterbericht anzugeben.

Zurückgezogen

Als zurückgezogen gilt ein Hund, der vor Beginn des Bewertungsvorganges aus dem Ring genommen wird.

Die Skala der Formwerte und ihrer Beschreibungen im Detail ist groß und sie enthält einige Kriterien, die dem Richter, der seine Arbeit im Ring nach den FCI-Vorgaben verrichtet, einen erheblichen Spielraum bei den Bewertungen gibt. Aber diese Spielräume werden ganz offensichtlich immer weniger genutzt. Wer einmal ein Blick zurück in die sechziger, siebziger und auch noch in die beginnenden achtziger Jahre und in die damals veröffentlichten Richterberichte wirft, der wird feststellen, dass der Formwert „Gut" damals sehr häufig vergeben wurde, auf manchen, Ausstellungen sogar am häufigsten. Ein „Sehr gut“ war damals ein Formwert, der die Aussteller erfreut hat und den sie in der Skala der Formwerte sehr wohl einzuordnen wussten. Dieses Prädikat darf nur einem Klassehund verliehen werden - so hieß es damals im Reglement und so heißt es immer noch! Und „Vorzüglich"? Das war lange Zeit die große Ausnahme, der Kreis derer, die diesen Formwert erhielten, war überschaubar.

Sehr bemerkenswert scheint mir die neue, genauere Formulierung des Formwerts „Gut" zu sein. „Die guten Eigenschaften", so heißt es, „sollten die Fehler überwiegen, so dass der Hund als guter Vertreter seiner Rasse angesehen werden kann." Back to the Roots" etwa? Ich bin gespannt, ob diese Formulierung Einzug in die alltägliche Richterei halten wird. Ich fürchte eher, dass diese neuen FCI-Formwert-Definitionen gar nicht überall publiziert, geschweige denn praktiziert werden. Das ganze Ausstellungswesen hat, so fürchte ich, eine Eigendynamik entwickelt, bei der Rückbesinnungen jedweder Art einen konsequenten Umdenkungsprozess erfordern.

Wenn das, was heute gelegentlich auf Ausstellungen zu sehen ist, wirklich wahr ist, dann gibt es bei den Spaniels zwischenzeitlich einen qualitativen Quantensprung ungeheuren Ausmaßes, denn unglaublich viele ihrer Vertreter bewegen sich heute nach dem Urteil von immer mehr Richtern sehr nahe am Idealstandard der Rasse, wie es ja die Beschreibung des Formwertes fordert. Und das „Sehr gut" treibt so manchem Aussteller die Zornesröte ins Gesicht oder gar Tränen in die Augen, der Richter oder die Richterin wird mit nicht immer sehr freundlichen Attributen bedacht. Wo sind wir eigentlich hingekommen mit dieser Art der Formwert-Vergabe? Ist ein Richterurteil zwischenzeitlich völlig losgelöst von jeglichem Zuchtgedanken? Ist eine Hundeausstellung, SRA oder Internationale, nur noch Dog-Show?

Wenn ich darüber intensiver nachdenke, werden mir Hellmuth Wachtels Ausführungen im Leitartikel dieses „DJ“ immer verständlicher; wir Richter tragen als erste die Verantwortung für die Zukunft unserer Spaniel-Rassen, wir sind es, die modischen Trends entgegen zu wirken haben, wir haben den Züchtern und den Ausstellern ehrlich zu sagen, wo ihr Hund in der Formwert-Skala einzuordnen ist und vor allem, warum. Wir müssen ehrlicher miteinander umgehen, und nicht derjenige oder diejenige sollte an den Pranger gestellt werden, der diese Ehrlichkeit - und vielleicht auch den Mut - beim Richten im Ring aufbringt. Das ist gewiss nicht einfach für Aussteller und Richter gleichermaßen.

Ein liebenswerter Richterkollege hat mir einmal nach dem Richten der Spaniels freudestrahlend gesagt, Du, ich hatte so tolle Hunde, ich habe allen ein „V" gegeben. Ich habe gedacht, das ist ja großartig, aber warum passiert es mir nicht, dass ich einmal ausschließlich Hunde im Ring zu sehen bekomme, die alle dem Idealstandard der Rasse sehr nahe kommen? Es ist schon ein Elend mit den Formwerten, weil man als Richter/in am Wendepunkt steht. Kann man, will man soll man vielleicht sich darauf besinnen, dass mit der formwertlichen Einordnung der Hunde und einem entsprechenden Bericht nützliche züchterische Hinweise gegeben werden können und sollen? In England zu richten, ich weiß es - das ist anders. Wird es das bei uns irgendwann auch einmal geben, aber - wollen wir das?

Dr. Peter Beyersdorf

Vorsitzender der Richterkommission im DJSpK